Kurz gesagt. Für eine qualitative Inhaltsanalyse reichen einfache Transkriptionsregeln: die inhaltlich-semantischen Regeln nach Dresing und Pehl oder die Regeln nach Kuckartz und Rädiker. Beide übertragen Dialekt und Verschleifungen in Schriftdeutsch und notieren nur das Nötigste (Pausen, Lachen, Betonung, unverständliche Stellen).
Für rekonstruktive Verfahren wie die dokumentarische Methode ist TiQ verbreitet, für Gesprächsanalyse und Linguistik GAT 2. Entscheidend ist, dass Sie ein System wählen, es einheitlich anwenden und im Methodenteil mit Quelle angeben.
Was sind Transkriptionsregeln und wozu brauchen Sie sie?
Transkriptionsregeln (auch Transkriptionssystem genannt) sind eine feste Sammlung von Vorgaben und Zeichen, nach denen eine Audio- oder Videoaufnahme in Text übertragen wird. Sie beantworten Fragen, die beim Abtippen sofort auftauchen: Schreibe ich „ähm“ mit? Wie markiere ich eine Pause? Was mache ich mit Dialekt, mit Lachen, mit zwei Personen, die gleichzeitig sprechen?
Kuckartz und Rädiker betonen, dass mit jeder Verschriftlichung Informationsverluste verbunden sind und dass vom Ziel der Analyse abhängt, welche Verluste akzeptabel sind (Kuckartz & Rädiker, Transkriptionsregeln, PDF). Feste Regeln sorgen dafür, dass diese Entscheidungen einmal bewusst getroffen und dann einheitlich umgesetzt werden. Das bringt Ihrer Arbeit:
- Nachvollziehbarkeit: Gutachtende sehen, wie aus dem Gespräch Ihr Text wurde.
- Vergleichbarkeit: Alle Interviews folgen denselben Regeln, auch bei mehreren Transkribierenden.
- Zitierbarkeit: Belegstellen stammen aus einem Text mit offengelegten Konventionen.
Einfach oder detailliert: die zwei Familien von Transkriptionssystemen
Die gängigen Systeme bilden zwei Gruppen. Das Methodenportal der Universität Leipzig unterscheidet entsprechend ein einfaches Transkriptionssystem, ein erweitertes System (TiQ) und GAT.
- Einfache, inhaltlich-semantische Systeme (Dresing und Pehl, Kuckartz): Der Text wird leicht geglättet und gut lesbar. Im Mittelpunkt steht, was gesagt wurde.
- Detaillierte Systeme (TiQ, GAT 2, außerdem HIAT): Sie halten zusätzlich fest, wie etwas gesagt wurde, also Intonation, Dehnungen, Lautstärke, genaue Pausen und Überlappungen.
Das zeigt sich im Aufwand: Dresing und Pehl rechnen für einfache Regelsysteme mit dem 5- bis 10-Fachen der Interviewdauer inklusive Korrekturlesen. Für ein GAT-2-Basistranskript nennen sie bei entsprechender Übung 18 Stunden pro Stunde Material, für komplexe Regeln fänden sich in der Literatur sogar Angaben von 30 bis 60 Stunden (Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse, 9. Auflage).
Inhaltlich-semantische Transkriptionsregeln nach Dresing und Pehl
Die Regeln von Thorsten Dresing und Thorsten Pehl (Marburg) finden nach Angaben der Autoren seit vielen Jahren verbreitet Anwendung. Die aktuelle Fassung heißt „Regelsystem für die inhaltlich-semantische Transkription (2023)“. Laut Website der Autoren wurde sie im November 2022 überarbeitet und in der 9. Auflage des Praxisbuchs veröffentlicht, deren PDF als Zitation „9. Auflage. Marburg, 2024“ angibt.
Die Fassung besteht aus fünf Grundregeln, hier sinngemäß zusammengefasst:
- Jedes Wort aufschreiben. Sätze werden so festgehalten, wie sie gesprochen wurden, auch wenn sie holprig oder grammatisch falsch sind. Wortverschleifungen und Dialekt werden an das Schriftdeutsch angenähert, außer wenn keine eindeutige Übertragung möglich ist. Unverständliches wird als
(unv.)markiert, ein vermuteter Wortlaut mit Fragezeichen in Klammern, etwa(Glück?). - Kurze Antworten aufschreiben, Verstehensäußerungen ignorieren. „hmm“, „ja“ oder „genau“ entfallen, wenn sie den Redefluss nicht unterbrechen. Sind sie die Antwort auf eine Frage, werden sie notiert.
- Deutliche Pausen festhalten. Pausen ab drei Sekunden werden mit
(…)markiert. - Emotionen und Betonungen notieren. Lachen, Seufzen oder Weinen stehen in Klammern, besonders betonte Wörter in VERSALIEN.
- Transkripte einheitlich gestalten. Jeder Redebeitrag bekommt einen eigenen Absatz mit einem Kürzel und Doppelpunkt (zum Beispiel
I:,B1:). Auch kurze Antworten stehen in einem eigenen Absatz.
Erweiterungsmodule und Schreibweise
Zusätzlich bieten Dresing und Pehl Module an, die Sie je nach Forschungsfrage einzeln oder komplett übernehmen können:
- Wort- und Satzabbrüche mit Schrägstrich:
Sor/ - Wortdoppelungen werden immer notiert.
- Gestufte Pausen:
(.)für etwa eine,(..)für zwei,(…)für drei Sekunden, bei längeren Pausen die Sekundenzahl, etwa(5). - Rezeptionssignale und Fülllaute wie „hm“ oder „ähm“ werden transkribiert. Ausnahme: das Backchanneling der interviewenden Person, solange es den Redefluss nicht unterbricht.
- Nach „hm“ wird die Bedeutung in Klammern ergänzt, etwa
hm (bejahend). - Sprecherüberlappungen werden mit
//markiert: Der gleichzeitig gesprochene Text steht zwischen den Doppelschrägstrichen, der Einwurf der anderen Person in einer eigenen Zeile, ebenfalls mit//.
Ergänzende Hinweise zur Schreibweise helfen vor allem bei Teamarbeit, etwa Zögerungslaute immer als „ähm“ und Einheiten ausgeschrieben („Euro“).
Achtung bei älteren Auflagen. Manche Methodenportale beziehen sich auf frühere Fassungen, das Leipziger etwa auf die 6. Auflage von 2016. Die 8. Auflage (Marburg, 2018) enthielt noch 15 nummerierte Regeln, unter anderem Zeitmarken mindestens am Absatzende und das Speichern als RTF-Datei. Geben Sie in Ihrer Arbeit genau die Fassung an, die Sie tatsächlich verwendet haben.
Transkriptionsregeln nach Kuckartz (und Rädiker)
Die Regeln gehen auf ein Evaluationsprojekt zurück, für das Kuckartz und Kollegen einfache und schnell erlernbare Transkriptionsregeln für die computerunterstützte Auswertung definierten. Die aktuelle Fassung stammt aus dem Lehrbuch von Kuckartz und Rädiker (2024) zur qualitativen Inhaltsanalyse, ein Auszug ist als PDF auf qualitativeinhaltsanalyse.de frei verfügbar. Die zwölf Regeln sind in vier Bereiche gegliedert:
- Sprechbeiträge: Jeder Beitrag ist ein eigener Absatz, dazwischen eine Leerzeile. Fett gesetzte Kürzel wie „I:“, „M:“ oder „B1:“, alternativ Pseudonyme.
- Inhalt und Grammatik: wörtlich, Sprache und Interpunktion leicht geglättet. Wortstellung, grammatische Fehler und Wortwiederholungen bleiben erhalten, Dialekt wird möglichst genau ins Hochdeutsche übersetzt. Unsicheres mit Fragezeichen in Klammern, Unverständliches als
(unv.). - Bestätigungen und Einwürfe: Zustimmende Laute der Interviewperson („mhm“, „aha“) werden nur notiert, wenn sie den Redefluss deutlich unterbrechen. Kurze Einwürfe anderer Personen werden in Klammern in den laufenden Beitrag integriert, mit vorangestelltem Kürzel der einwerfenden Person.
- Pausen, Betonungen, Lautäußerungen: Pausen mit ein bis drei Punkten in Klammern je nach Sekunden, längere Pausen mit Sekundenzahl, etwa
(5). Betonte Begriffe werden unterstrichen, besonders lautes Sprechen in GROSSBUCHSTABEN. Lautäußerungen und Störungen in Klammern:(lacht),(Handy klingelt).
Hinzu kommt eine zwölfte Regel zu Zeitmarken: Sie werden am Ende jedes Sprechbeitrags eingefügt, bei Bedarf auch an unverständlichen Stellen in längeren Absätzen.
Der wichtigste Unterschied zu Dresing und Pehl liegt in der Betonung: Bei Dresing und Pehl stehen betonte Wörter in VERSALIEN, bei Kuckartz und Rädiker werden sie unterstrichen, und Großbuchstaben bedeuten lautes Sprechen. Mischen Sie die beiden Systeme deshalb nicht unbemerkt.
TiQ: das erweiterte System für rekonstruktive Verfahren
TiQ steht für „Talk in Qualitative Social Research“. Laut dem Methodenzentrum der Ruhr-Universität Bochum wurde das System von Ralf Bohnsack für die Arbeit mit Gruppendiskussionen entwickelt und von Aglaja Przyborski überarbeitet. Es eignet sich besonders für rekonstruktive Methoden wie die dokumentarische Methode.
TiQ glättet nicht. Nach den Übersichten in Bochum und Leipzig gilt unter anderem:
- Abgetippt wird, wie gesprochen wurde, mit Füllwörtern und regionaler Aussprache.
- Satzzeichen zeigen die Intonation, nicht die Grammatik:
.stark sinkend,;schwach sinkend,?stark steigend,,schwach steigend. - Nur Namen und Substantive werden großgeschrieben, Satzanfänge nicht.
- Pausen:
(.)bis etwa eine Sekunde, sonst die Sekundenzahl, etwa(2). - Betont wird unterstrichen, laut fett, sehr leise zwischen Gradzeichen:
°nee°. - Abbrüche mit Bindestrich (
viellei-), Verschleifungen mit Gleichheitszeichen (oh=nee), Dehnungen mit Doppelpunkten (nei::n). - Lachen mit @-Zeichen:
@(.)@für kurzes Auflachen,@(3)@für drei Sekunden Lachen. - Sprechereinsätze und Überlappungen werden mit Häkchen markiert (└ und ┘).
GAT 2: Minimal-, Basis- und Feintranskript
Das Gesprächsanalytische Transkriptionssystem 2 (GAT 2) wurde 2009 von Margret Selting und einer Gruppe von Gesprächsforscherinnen und Gesprächsforschern veröffentlicht (Selting et al. 2009, Gesprächsforschung 10, S. 353-402). Es überarbeitet die erste Version von 1998 und arbeitet nach dem Zwiebelprinzip in drei Ausbaustufen:
- Minimaltranskript: Wortlaut, Segmente, Überlappungen, Pausen, Atmen, Lachen, Nonverbales. Laut GAT 2 reicht es für viele sozialwissenschaftliche Zwecke, etwa die Inhaltsanalyse von Interviews.
- Basistranskript: zusätzlich Fokusakzente, Tonhöhenbewegung am Phrasenende, Dehnungen und schnelle Anschlüsse.
- Feintranskript: Nebenakzente, Tonhöhensprünge, Lautstärke und Sprechgeschwindigkeit, etwa
<<f> >für laut.
Typische Konventionen: generelle Kleinschreibung, weil Großbuchstaben Akzente markieren (akZENT), und nummerierte Segmente. Pausen werden geschätzt, von (.) (Mikropause bis etwa 0,2 Sekunden) bis (---), oder gemessen, etwa (2.0). Überlappungen stehen in eckigen Klammern, die untereinander ausgerichtet werden. Nonverbales steht in doppelten runden Klammern (((lacht))), Unverständliches in leeren Klammern ( ). Im Basistranskript markieren Satzzeichen die Tonhöhenbewegung am Phrasenende: ? hoch steigend, , mittel steigend, ; mittel fallend, . tief fallend, für gleichbleibende Tonhöhe ein Halbgeviertstrich. Zeitangaben sind optional und stehen in geschweiften Klammern links vor dem Text, etwa {1:01:04}.
Transkriptionsregeln im Vergleich: die Tabelle
Die Tabelle fasst die Regeln aus den oben verlinkten Primärquellen und Methodenportalen zusammen. Manche Institute geben eigene Varianten vor (ein Beispiel aus Graz finden Sie unten), maßgeblich ist immer die Fassung, die Sie in Ihrer Arbeit zitieren.
| Merkmal | Dresing & Pehl (2023) | Kuckartz & Rädiker (2024) | TiQ | GAT 2 (Basis) |
|---|---|---|---|---|
| Typischer Einsatz | Inhaltsanalyse, Qualifikationsarbeiten | Qualitative Inhaltsanalyse, QDA-Software | Rekonstruktive Verfahren, Gruppendiskussionen | Gesprächsanalyse, Linguistik |
| Dialekt, Verschleifungen | An Schriftdeutsch angenähert | Leicht geglättet, Dialekt ins Hochdeutsche | Wie gesprochen | Literarische Umschrift, Abweichungen notiert |
| Groß- und Kleinschreibung | Normal | Normal | Nur Namen und Substantive groß | Generell klein |
| Pausen | (…) ab 3 Sek.; Modul: (.) (..) (…) (5) | (.) bis (…) je Sekunde, länger: (5) | (.) bis 1 Sek., sonst (2) | (.) (-) (--) (---) oder gemessen (0.5) |
| Betonung, Lautstärke | Betont: VERSALIEN | Betont: unterstrichen; laut: GROSS | Betont: unterstrichen; laut: fett; leise: °…° | Fokusakzent: akZENT |
| Lachen, Nonverbales | (lacht) | (lacht), (Handy klingelt) | @(.)@, ((stöhnt)) | ((lacht)), haha |
| Überlappung | Nur im Modul: //…// | Kurze Einwürfe in Klammern im Beitrag | └ … ┘ | [ ] untereinander |
| Unverständlich, vermutet | (unv.), (Glück?) | (unv.), (Kobold?) | ( ), (doch) | ( ), (xxx), (solche) |
| Zeitmarken | Nicht Teil der fünf Regeln, im Praxisbuch als wichtig beschrieben | Am Ende jedes Sprechbeitrags | In den genutzten Übersichten nicht geregelt | Optional, z. B. {1:01:04} |
Ein Interviewausschnitt, vier Transkriptionssysteme
Beispiel (fiktiv): Das folgende Gespräch ist erfunden und dient nur der Veranschaulichung. Gesprochen wurde Folgendes: Die Interviewerin fragt, wie sich der Nebenjob aufs Studium ausgewirkt hat. B1 antwortet „Also, das war schon so'n Spagat. Ich habe dann, ähm,“, schweigt etwa vier Sekunden, sagt „meistens nachts gelernt“ und lacht kurz. Dann, mit stark betontem „nicht“: „Und meine Noten sind ehrlich gesagt nicht besser geworden.“ Beim letzten Wort setzt die Interviewerin schon mit „Und wie ging das weiter?“ ein.
I: Wie hat sich der Nebenjob aufs Studium ausgewirkt? B1: Also, das war schon so ein Spagat. Ich habe dann (…) meistens nachts gelernt (lacht). Und meine Noten sind ehrlich gesagt NICHT besser geworden. I: Und wie ging das weiter?
„so'n“ wird an das Schriftdeutsch angenähert. Das Transkribieren von Fülllauten ist erst als Erweiterungsmodul vorgesehen, das „ähm“ entfällt hier deshalb. Die Überlappung wird in den Grundregeln nicht markiert.
I: Wie hat sich der Nebenjob aufs Studium ausgewirkt? B1: Also, das war schon so ein Spagat. Ich habe dann ähm (4) meistens nachts gelernt (lacht). Und meine Noten sind ehrlich gesagt NICHT besser //geworden.// I: //Und wie// ging das weiter?
Fülllaut, gemessene Pause und Überlappung sind jetzt sichtbar.
I: Wie hat sich der Nebenjob aufs Studium ausgewirkt? [0:12:31-0] B1: Also, das war schon so ein Spagat. Ich habe dann (4) meistens nachts gelernt (lacht). Und meine Noten sind ehrlich gesagt nicht besser geworden. [0:12:44-5] I: Und wie ging das weiter? [0:12:46-2]
Fette Kürzel, Leerzeilen, Zeitmarke am Ende jedes Beitrags, Betonung unterstrichen statt in Großbuchstaben. Fülllaute wie „ähm“ regeln Kuckartz und Rädiker nicht ausdrücklich, wir haben sie im Sinne der leichten Glättung weggelassen. Die Zeitmarken sind ebenfalls fiktiv.
I: wie hat sich der Nebenjob aufs Studium ausgewirkt? B1: also das war schon so=n Spagat; ich habe dann ähm (4) meistens nachts gelernt @(.)@ und meine Noten sind ehrlich gesagt nicht besser └geworden.┘ I: └und wie┘ ging das weiter?
Kleinschreibung am Satzanfang (Substantive bleiben groß), Satzzeichen zeigen die Intonation, die Verschleifung bleibt mit „=“ erhalten, das Lachen steht als @(.)@. Die Sprecherkürzel haben wir zur Vergleichbarkeit beibehalten.
01 I: wie hat sich der NEBENjob aufs studium ausgewirkt? 02 B1: also das war schon son SPAgat; 03 ich habe dann ähm (4.0) meistens NACHTS gelernt. 04 ((lacht)) 05 und meine noten sind ehrlich gesagt NICHT besser ge[worden.] 06 I: [und wie] ging das weiter?
Nummerierte Segmente, generelle Kleinschreibung, Fokusakzente in Großbuchstaben, Tonhöhenbewegung am Phrasenende, Überlappung in eckigen Klammern. Die Akzentsetzung ist für das fiktive Beispiel angenommen.
Die einfachen Systeme liefern gut lesbaren Text für die Inhaltsanalyse. TiQ und GAT 2 zeigen dagegen, wie zögerlich die Antwort ist und dass die Interviewerin ins Wort fällt: genau der Gegenstand einer Gesprächsanalyse.
Welches Transkriptionssystem passt zu Ihrer Arbeit?
Das Methodenzentrum der Ruhr-Universität Bochum formuliert den Grundsatz klar: Das Transkriptionssystem wird an Fragestellung und Auswertungsmethode angepasst. Als Orientierung:
- Qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz, Mayring), thematische Auswertung, Experteninterviews: einfache Regeln nach Dresing und Pehl oder nach Kuckartz und Rädiker. Kuckartz und Rädiker halten fest, dass für die meisten Forschungsprojekte relativ einfache Transkriptionssysteme völlig ausreichen.
- Leitfadeninterviews mit Interesse an Zögern und Unterbrechungen: einfache Regeln plus ausgewählte Module von Dresing und Pehl (Pausen, Fülllaute, Überlappungen).
- Dokumentarische Methode, Gruppendiskussionen und andere rekonstruktive Verfahren: TiQ.
- Konversationsanalyse, Interaktionale Linguistik, Prosodieforschung: GAT 2, je nach Fragestellung als Basis- oder Feintranskript.
Im Zweifel rät Bochum zum aufwendigeren System, weil späteres Nachtranskribieren mehr Arbeit macht. Leipzig empfiehlt, die Transkription mit der Betreuungsperson abzusprechen. Gibt Ihr Institut eigene Regeln vor, wie etwa die Transkriptionsregeln des Grazer Instituts für Kulturanthropologie, gelten diese vorrangig.
Wie Sie das Interview selbst aufnehmen und in einen ersten Text bringen, beschreiben wir ausführlich unter Interviews transkribieren.
Transkriptionsregeln im Methodenteil dokumentieren: fünf Schritte
Eine gute Dokumentation ist kurz, aber vollständig. So gehen Sie vor:
System wählen und begründen
Nennen Sie das Regelsystem und begründen Sie die Wahl mit Ihrer Auswertungsmethode, zum Beispiel: inhaltlich-semantische Regeln, weil die qualitative Inhaltsanalyse auf den semantischen Inhalt zielt.
Exakte Quelle angeben
Zitieren Sie die Fassung, die Sie verwendet haben, mit Autorinnen und Autoren, Jahr und Auflage, etwa Dresing und Pehl, Praxisbuch, 9. Auflage, oder Kuckartz und Rädiker (2024).
Anpassungen offenlegen
Schreiben Sie dazu, welche Module Sie ergänzt oder welche Regeln Sie verändert haben, etwa gestufte Pausen oder die Markierung von Überlappungen.
Vorgehen beim Transkribieren beschreiben
Erklären Sie, wer transkribiert hat, ob ein automatisches Rohtranskript genutzt wurde und dass jedes Transkript vollständig mit der Aufnahme abgeglichen und nach den Regeln korrigiert wurde.
Zeichenlegende und Anonymisierung anhängen
Legen Sie die Zeichenlegende in den Anhang, beschreiben Sie, wie Namen und Orte anonymisiert wurden, und nennen Sie, wie Sie aus Transkripten zitieren, etwa mit Interviewkürzel und Absatznummer.
Formulierungsbeispiel (fiktiv): „Die zwölf Interviews wurden nach dem Regelsystem für die inhaltlich-semantische Transkription von Dresing und Pehl (9. Auflage) transkribiert, ergänzt um das Modul zur Markierung von Sprecherüberlappungen. Als Ausgangspunkt diente ein automatisch erstelltes Rohtranskript, das vollständig mit der Aufnahme abgeglichen, nach diesen Regeln korrigiert und anschließend anonymisiert wurde.“
Zeitmarken, Transkriptkopf und Anonymisierung
Zeitmarken
Zeitmarken dienen laut Dresing und Pehl nicht der Zitation, sondern dem schnellen Rücksprung zur Aufnahme: Wer in einem Transkriptions- oder QDA-Programm auf die Marke klickt, hört die Originalstelle. Zitiert wird stattdessen meist mit Absatznummern, seltener mit Zeilennummern. Kuckartz und Rädiker setzen die Zeitmarke ans Ende jedes Sprechbeitrags, das Leipziger Methodenportal empfiehlt Zeitmarken mindestens pro Gesprächsblock im Format Stunde, Minute, Sekunde, etwa #01:15:10#.
Transkriptkopf
Das Methodenzentrum Bochum empfiehlt einen einheitlichen Kopf mit Angaben wie Datum, Dauer, interviewender und transkribierender Person. Leipzig nennt zusätzlich nummerierte Zeilen.
Anonymisierung
Interviews enthalten personenbezogene Daten. Die Grazer Regeln sehen vor, dass Klarnamen nur intern von den Forschenden verwendet und nach außen anonymisiert werden. Das Leipziger Portal empfiehlt neutrale Sprecherkürzel wie „A“ und „B“ statt Vornamen. Ersetzen Sie außerdem Orte, Arbeitgeber und andere identifizierende Details, zum Beispiel durch Platzhalter in eckigen Klammern, und bewahren Sie eine etwaige Zuordnungsliste getrennt von den Transkripten auf. Klären Sie Einwilligung und Speicherort vorab mit Ihrer Hochschule.
KI-Transkript als Rohfassung: was es leistet und was nicht
Dresing und Pehl schreiben, dass automatische Transkription seit etwa 2022 auch für qualitative Interviews brauchbar geworden ist. Sie nimmt Ihnen das Abtippen ab, aber nicht die Anwendung Ihrer Transkriptionsregeln. Nach Kuckartz und Rädiker macht ihres Wissens kein Tool Betonungen und Lautstärke kenntlich, Lautäußerungen und Nonverbales werden nicht transkribiert, Pausen erfassen nur einige Tools. Automatische Transkripte müssen deshalb stets manuell kontrolliert und verbessert werden.
- Einfache Regeln: Die KI-Rohfassung liefert Wortlaut und Sprecherwechsel. Beim Mithören ergänzen Sie Pausen, Lachen, Betonungen und
(unv.)und prüfen Eigennamen. - TiQ und GAT 2: Ein automatisches Transkript erzeugt keine TiQ- oder GAT-2-Notation. Es kann höchstens als Wortgerüst dienen, Intonation, Akzente, gemessene Pausen und Überlappungen notieren Sie von Hand.
So passt AudiosTranscribe in diesen Ablauf. Sie laden die Aufnahme hoch und erhalten ein Transkript mit Zeitstempeln. Die Stimmen werden automatisch getrennt, die Kürzel wie I und B1 weisen Sie mit einem Klick zu. Danach bringen Sie den Text beim Mithören auf Ihre Transkriptionsregeln. Der Dienst ist in Europa gehostet und DSGVO-konform, die Audiodatei wird nach der Verarbeitung gelöscht. 120 Minuten pro Monat sind kostenlos, der Export als DOCX, TXT oder PDF ist in den kostenpflichtigen Tarifen enthalten. Eine kurze Datei können Sie ohne Anmeldung mit unserem Tool testen: Audio in Text umwandeln.
Den kompletten Ablauf von der Aufnahme bis zum geprüften Transkript finden Sie unter Interviews transkribieren.
Häufige Fragen zu Transkriptionsregeln
Was sind Transkriptionsregeln?
Welche Transkriptionsregeln eignen sich für eine Bachelor- oder Masterarbeit?
Was ist der Unterschied zwischen Dresing und Pehl und Kuckartz?
Welche Transkriptionsregeln gelten nach Mayring?
Was gehört in ein Transkript?
Kann eine KI nach GAT 2 transkribieren?
Wie zitiere ich aus einem Transkript?
Quellen und weiterführende Ressourcen
- Dresing, T. & Pehl, T.: Inhaltlich-semantische Transkriptionsregeln, audiotranskription.de (aktualisiert im November 2022).
- Dresing, T. & Pehl, T.: Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse. Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende, 9. Auflage, Marburg (Eigenverlag), PDF-Download.
- Kuckartz, U. & Rädiker, S.: Transkriptionsregeln, Hinweise zur automatischen Transkription (PDF), Auszug aus: Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz, Beltz Juventa 2024.
- Selting, M. et al. (2009): Gesprächsanalytisches Transkriptionssystem 2 (GAT 2). Gesprächsforschung, Ausgabe 10, S. 353-402 (PDF).
- Universität Leipzig: Methodenportal, Transkription.
- Ruhr-Universität Bochum: Methodenzentrum, Nachbereitung und Transkription.
- Universität Graz, Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie: Regeln zur Transkription qualitativer Interviews (PDF).
- Universität Oldenburg, Institut für Pädagogik: Hinweise für die Erstellung von Transkripten in Anlehnung an Mayring (PDF).